Dienstag, 10. Juli 2012

Interview mit Heidi Rehn


Heidi Rehn habe ich 2010 in einem kleinen Forum namens „schmökerkiste“ kennengelernt, wo ich das Buch „Die Wundärztin“ mit ihr zusammen in einer Leserunde lesen durfte. Seit dem ziehen mich ihre Bücher immer wieder in den Bann, seien es die Fortsetzungen zur „Wundärztin“ wie „Hexengold“ und „Bernsteinerbe“, als auch der Roman „Gold und Stein“. 

© Erol Gurian
Heidi habe ich als weltoffene und liebenswerte Person schätzen gelernt und freue mich auch jedes mal auf den Gedankenaustausch mit ihr.

Zuletzt durfte ich wieder ein Buch mit ihre lesen, „Bernsteinerbe“ der dritte und leider abschließende Teil der Wundärztin-Trilogie.

Aufgrund dessen habe ich doch noch einige Fragen an Heidi, die teilweise auch mal nichts mit ihren Büchern und den dort vorhandenen Charakteren zu tun haben.

Kleeblatt: Mit der Wundärztin-Trilogie hast Du mein Herz und auch das vieler anderer historisch begeisterter Leser gewonnen. Dein aktuelles Projekt widmet sich der Fortsetzung von „Gold und Stein“, welches ebenfalls in Königsberg spielt, deinem bevorzugten Ort in deinen Romane. Warum gerade Königsberg?
Heidi: Das ist reiner Zufall: die Großmutter meines Mannes stammte von dort und hat mir sehr anschaulich von der herrlichen Landschaft wie auch von der Geschichte Ostpreußens erzählt. Als ich mir für „Die Wundärztin“ die Vorgeschichte ihrer Familie ausgedacht habe, fiel mir das wieder ein und meine Lektorin war von der Idee begeistert. Bis dato gibt es nicht sehr viele historische Romane zu Ostpreußen im Spätmittelalter (und von mir aus kann das auch gern noch so bleiben, denn so bleibt es „meine“ Gegend :-))) Natürlich bin ich auch selbst dorthin gefahren, um mir die Handlungsorte meiner Romane genauer anzusehen. Dabei ist mir erst so recht das Herz aufgegangen. Dort war es noch schöner als erwartet und je mehr ich über die Geschichte der Gegend lese, je mehr Ideen für weitere Romane kommen mir....

Kleeblatt: Historische Romane bedürfen einer genauen Recherche. Wie Du oben geschrieben hast, schaust Du Dir die Orte auch an. Verlässt Du Dich aber auch auf Quellen wie Internet oder Sachbücher?
Heidi: Die Recherche vor Ort ist mir sehr, sehr wichtig. Auch wenn ich nicht in der Zeit zurückreisen kann, die Orte also nie so sehen kann, wie sie zur Zeit meiner Romane ausgesehen haben, so besitzt jeder Ort doch immer eine ganz eigene Magie und Atmosphäre. Die werden weder durch Internet noch durch Bücher erlebbar, die muss man einfach mit allen Sinnen in sich aufsaugen. Wenn möglich, fahre ich auch die Reiserouten meiner Figuren genau ab, um ein besseres Gefühl für die Entfernungen zu bekommen. Daneben lese ich natürlich auch sehr viel. Einer meiner Lieblingsorte in München ist die Staatsbibliothek, die nahezu alle wichtigen Bücher und die wundervollsten Lesesäle hat.

Kleeblatt: Ich denke, dass Du immer wieder auf Deine Romane und deren Inhalte angesprochen wirst. Mich interessiert aber auch mal die „andere“ Heidi. Was machst Du, wenn Du nicht gerade schreibst oder recherchierst?
Heidi: Ich bin selbst eine leidenschaftliche Leserin und habe immer ein Buch griffbereit dabei. Bevorzugte Genres gibt es keine. Ein Buch muss mich einfach in seine Geschichte hineinziehen, dann bin ich dabei. Außerdem bin ich gern draußen, walke jeden Tag und seit letztem Jahr bin ich auch begeistert vom Traditionellen Feldbogenschießen. Zudem liebe ich das Theater, eine Leidenschaft, die ich in München bestens ausleben kann.

Kleeblatt: Wer schreibt, liest auch. Was liest Du gerne? Triviales oder doch anspruchsvolles? Wie heißt Deine aktuelle Lektüre?
Heidi: Das stimmt: ohne Lesen geht bei mir gar nichts. Ich lese so ziemlich alles, was mir in die Finger fällt, quer durch alle Genres. Einziges Kriterium: mir muss das Buch gefallen, mich in seinen Bann ziehen, sonst lege ich es weg. Gerade habe ich „Das Lächeln der Frauen“ von Nicolas Barreau gelesen, was mich sehr fasziniert und zudem auf eine ganz abwegige Idee gebracht hat. Jetzt liegt auf meinem SUB ein Roman meiner Lieblingsautorin Vicki Baum „Marion“.

Kleeblatt: Wenn man deine Studienfächer liest (Germanistik, Geschichte, BWL und Kommunikationswissenschaften ) wird einem ja ganz schwindlig. Aber im Endeffekt nützt dieser Mix ja bestimmt auch beim Schreiben. War es schon immer Dein Traum, Bücher zu schreiben?
Heidi: Das mit den verschiedenen Studienfächern hört sich immer sehr beeindruckend an, liegt aber daran, dass ich wirklich sehr breit studiert habe und einfach neugierig auf vieles bin. Schreiben wollte ich schon immer, allerdings als Journalistin. Zum Bücherschreiben bin ich eher per Zufall gekommen, als ich eine Autorin interviewte und dann ausprobieren wollte, ob ich es auch schaffe, einen Roman zu Ende zu bringen. Zu meiner großen Überraschung ist mir das auf Anhieb gelungen und ich habe sogar innerhalb weniger Wochen einen angesehenen Verlag dafür gefunden. Das war der berühmte Sechser im Lotto, der dann meine ganzen Pläne auf den Kopf gestellt hat. Inzwischen kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, mir nicht mehr ständig neue Geschichten auszudenken und immerzu an einem neuen Buch zu schreiben. Die Ideen fliegen mich oft an wie Fliegen, nur sind sie mir nie lästig! Das einzige, was leider oft fehlt, ist die Zeit, wirklich alles umzusetzen. Auch mein Tag hat leider nur 24 Stunden.

Kleeblatt: Vorbilder, Idole. Gibt es so etwas auch bei Dir?
Heidi: Ich bewundere Vicki Baum (1888 in Wien – 1960 in Hollywood) und liebe ihre Romane. Sie hat quasi auch erst durch Zufall zum Schreiben gefunden, war eigentlich ausgebildete Konzertharfinistin (und als solche sehr erfolgreich), hat als Journalistin und Redakteurin gearbeitet und dann mit ihrem Roman „Menschen im Hotel“ den großen internationalen Erfolg gelandet. Menschlich muss sie auch eine tolle Frau gewesen sein, hat sich in den 1930er und 1940er Jahren sehr um jüdische Exilanten in den USA gekümmert (vor allem auch ihre Freundin Gina Kaus) und für Gerechtigkeit eingesetzt.

Kleeblatt: Für viele gibt es wichtige Dinge im Leben. Was ist Dir am wichtigsten? Gibt es noch Ziele, die Du Dir gesteckt hast und erreichen möchtest?
Heidi: Am wichtigsten ist mir meine Familie, also meine Kinder und mein Mann. Geht es ihnen gut, geht es mir am besten. Darüber hinaus möchte ich natürlich noch viele, viele Romane schreiben und hoffe, dass ich zumindest einen Teil meiner Ideen umsetzen kann und damit auch meine Leser erfreue.

Kleeblatt: Gerade in „Gold und Stein“ hast Du eine Figur eingebaut, die man einfach nicht lieben kann. Solch eine „Hass-Figur“ bringt Farbe ins Spiel und bringt einem auch auf die Palme. In der Leserunde zu „Gold und Stein“ haben wir darüber auch schon ausführlich gesprochen. Wie kann man solche Figuren entstehen lassen? Denkt man sich diese aus oder wachsen die über die Zeitraum des Schreibens einfach über sich hinaus und bestimmt Dein Tun?
Heidi: Die „bösen“ wie die „guten“ Figuren sind irgendwann einfach da und entwickeln sich im Lauf des Schreibens weiter. Bei der von Dir angesprochenen Editha aus „Gold und Stein“ stand am Anfang lediglich die Idee, dass sie aus England stammen muss, weil Königsberg intensive Handelsbeziehungen mit London hatte, und das wollte ich damit aufgreifen. Dann war klar, dass sie eine Art Gegenpol zu Agnes´ Mutter wird, ihr den Verlobten vor der Nase wegschnappt. Mir kam die Idee, sie englisch fluchen zu lassen, und mehr und mehr ist sie dann zu der geworden, die sie letztlich ist: einfach Editha. Ähnlich war es mit Hermine Hundskötter, die ihr zur Seite steht bzw. über sie hinauswächst und sie zeitweise sogar fremdbestimmt. Mir der verhielt es sich ähnlich: aus anfänglich nur schlechten Ansätzen wurde allmählich mehr. Aber wie immer bei mir haben „die Bösen“ gute Gründe, böse zu sein. Deshalb haben sie auch wieder gute Seiten und bekommen ihre Chance, diese zu nutzen. Ob sie das tun oder nicht, das hängt von verschiedenen Faktoren ab und ist schlecht zu verraten. Oft überrascht es mich selbst...

Kleeblatt: Abschließend möchte ich eigentlich nur noch eins wissen: Was ist Dein Lieblingszitat?
Heidi: „Immer die kleinen Freuden aufpicken, bis das große Glück kommt. Und wenn es nicht kommt, hat man wenigstens die kleinen Glücke gehabt“ (Theodor Fontane)
Danke Dir, liebe Sina, für die Fragen und das große Interesse an meinen Büchern. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, hier noch ein wenig mehr darüber zu erzählen. Bis spätestens zur nächsten Leserunde bei Nethas Schmökerkiste.

Herzlichen Dank an Heidi für das tolle Interview. Ich warte sehnsüchtig auf Deinen nächsten Roman.

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